„Verschuldung an sich sagt doch erstmal gar nichts aus.“
Gut möglich, dass es einige es leid sind. Gut möglich, dass einige nicht mehr zurückschauen möchten. Aber gerade weil viel (und häufig auch von mir) über Herrn Kentsch gemosert und gewitzelt wird, sollte man ihm heute noch einmal Beachtung schenken. Denn: In einem Interview mit dem Westfalenblatt bricht Herr Kentsch sein Schweigen. Nach gründlicher Lektüre, hier meine eigene bescheidene Meinung.
Es mag kleinkarriert sein jede einzelne vom Westfalenblatt wiedergegebene (!) Äußerung zu zerpflücken aber dennoch gibt es in den Antworten auffällige Gegensätzlichkeiten, auf die ich mir keinen Reim bilden kann. So spricht Herr Kentsch von kalkulierten Gesamtkosten von 15,5 Mio € für die Osttribüne, die aus landesverbürgten Bankdarlehen (12 Mio €) und einem geplantem Umsatz von 3 Mio € aus der Fananleihe abgedeckt werden sollten, um am Ende festzustellen, dass die Tribüne de facto 18,5 Mio € gekostet hat.
Seine Begründung: „Da fielen etliche Zusatzarbeiten an, die mit der Tribüne direkt nichts zu tun hatten, die aber sowieso hätten vorgenommen werden müssen (..)“.
Diese „Zusatzarbeiten“ beinhalten auch den Kauf des Grundstücks von der Stadt Bielefeld, der in der Kentschen Wahrnehmung „gern noch draufgelegt wird“.
Sachen, die „gern noch drauf gelegt werden“ und „sowieso hätten vorgenommen werden müssen“ sind also für Kostenkalkukationen zunächst nicht relevant. Interessant.
Vielleicht ist es ein handwerklicher journalistischer Fehler, vielleicht habe ich etwas überlesen, aber nachdem nun ein Finanzloch von 3 Mio € ausgewiesen wurde, ist Kentschs abschließendes Urteil, dass „es nicht ein Euro gewesen ist, der nicht bezahlt war“ sehr abenteuerlich.
Zumal von „bezahlt“ überhaupt nicht die Rede sein kann, wenn Bankdarlehen aufgenommen werden und durch eine Fananleihe der Schuldenstand noch zusätzlich erhöht wird. Aber darauf kommt es ja auch gar nicht an, schließlich haben ja auch Schalke und Bayern hunderte Millionen von Schulden und große Konzerne gar in Milliardenhöhe. Die Verbindlichkeiten zu bedienen, das ist die „ganze Kunst“.
Vielleicht wird hier das große Missverständnis zwischen Herrn Kentsch und Arminia Bielefeld deutlich. Arminia wäre in Fußballdeutschland vermutlich nur dann ernsthaft konkurrenzfähig, wenn überhaupt keine langfristigen Verbindlichkeiten zu bedienen sind. Arminia ist nicht Schalke, Arminia ist nicht Bayern, Arminia ist kein großes Unternehmen, aber für einen Arminia-Fan ist sein Verein und vor allem auch das Stadion dennoch etwas Besonderes - und nicht wie im Kentschen Duktus etwas „Übliches“. In seinem ersten und einzigen Eingeständnis eines eigenen Fehlers gibt Kentsch folgerichtig zu Arminia nicht verstanden zu haben:
"Wir haben damals die emotionale Bedeutung der alten Stehtribüne unterschätzt und hätten die Fans mehr mitnehmen müssen."
Man könnte ihn nun noch daran erinnern, dass er sich der fünf Jahre Bundesliga, von denen spätestens mit dem Abgang von Hessens drei Jahre sportlich zum visionslosen Geplänkel inklusive spektakulärer Trainer-Entscheidungen à la Frontzeck und Jörg Berger verkommen sind, nicht besonders rühmen sollte, aber man sollte ihm fairerweise zustimmen, wenn er sagt:
„Ganz Bielefeld hat sich in diesem Thema doch gesonnt: Das Stadion ist schuld. Die Tribüne ist schuld. Also ist Kentsch schuld.“
Fussballvereine leben von ihrem Umfeld und in Bielefeld hat eben jenes versagt. Arminia ist gegenüber der heimischen Wirtschaft häufig in Vorleistung getreten. Die Vereinsmitglieder haben in der Hoffnung auf finanzielle Großhilfe vorschnell auf Souveränitäten verzichtet. Immer wieder standen Gerüchte und Summen im Raum, während die Zeit lief. Bei knapper Kasse und unter dem großen Druck möglichst schnell wieder aufsteigen zu müssen, wurden letztlich auch sportlich zu viele Fehlentscheidungen getroffen. Der Teufelskreis aus immer geringeren Einnahmen bei gleichbleibend hoher Finanzlast nahm dem Verein nach und nach die Luft zum Atmen.
Die dritte Liga ist ein Wust aus alledem, aber sie bietet die große Chance sich selbst endlich bewusst zu werden, was man eigentlich ist, nämlich Arminia Bielefeld. Perfekt unperfekt und titellos.
Nur dann geht’s vielleicht auch wieder mal nach oben...




Volle Zustimmung.
Zwei weitere Zahlen sind mir aufgefallen, die ich nicht so recht verstehe. Der Klub (und damit auch Herr K.) unterhalten eine Mannschaft, die pro Saison 15 Millionen kostet und damit eher im unteren Tabellendrittel (Abstiegsgefahr) angesiedelt ist. Die neue Tribüne war nach Kentsch offenbar mit mindestens 12,5 und höchstens 18 Millionen kalkuliert. (Er bleibt bei den Mindest- und späteren Zusatzkosten etwas indifferent.)
Als Geschäftsführer Finanzen muss mir doch auffallen, dass eine Tribüne, die in etwa das Volumen der Saisonmannschaft hat bzw. dieses um mindestens 3 Millionen übersteigt, bei dem sportlichen und gesellschaftlichen Umfeld von Arminia ein sehr hohes Risiko ist; will sagen eigentlich nicht machbar ist. Soviel Anleihen kann der Fan gar nicht kaufen.
Im übrigen denke ich, dass Dammeier, Anders und Co. (bei allen eigenen Fehlern) letztlich das ausbaden durften, was K. und andere lange vorher mit einer unzulänglichen Finanzierung angerichtet hatten.
Was ich ja nie verstanden habe:
Es war mal die Rede davon, dass die Rückzahlung der Darlehen auf zehn Jahre angelegt war (z.B. hier
). Das würde bedeuten, dass die Tilgungsrate bei immens hohen zehn Prozent jährlich liegt - plus Zinszahlungen. Wenn das stimmt: Wer schließt bitte schön in einem volatilen Umfeld (vulgo Fahrstuhlverein) einen solchen Vertrag ab (bzw. bietet ihn überhaupt an)?
(Korrigiert mich bitte, wenn ihr irgendwelche Denk- oder Annahmenfehler entdeckt.)
Gruß
Hein M
... oder hat der Expräsident einfach Laufzeit und Tilgungsdauer verwechselt?
heinm, ich habe mir auch schonmal die Frage gestellt: Wer gibt Arminia für so ein Vorhaben Geld? Ich weiß nicht, wen man da als erstes hinterfragen sollte:die Banken, die es getan haben oder das Land NRW, dass sich für den Fahrstuhlverein auch noch verbürgt...
Eigentlich müssten die Banken doch sagen: Leute, wir haben Mist gebaut, wir erlassen euch einen Betrag X.
Tun sie natürlich nicht, weil sie sich durch die Bürgschaft sicher sein können das Geld wiederzusehen.
Vlt würde ein Bankrott des Landes NRW Arminia retten ;-)
Das wäre großartig! Und weil NRW systemrelevant für Europa ist, springt dann der ESFS ein. Und bums! ist der ganze Laden gerettet, und Arminia kann ihrer Kreditwürdigkeit sogar das eine oder andere A hinzufügen.
AAArminiAAA!
:-) Super!
Mit Standards und poor kennen wir uns eh schon lange aus...
Interessantes Interview, danke für den Hinweis, bin an sich kein WB-Leser. Wie so oft denkt man sich beim Lesen: "semper audiatur et altera
farcepars".Ich finde unter anderem erwähnenswert:
Dass er insgesamt erst jetzt loslegt, wo vermutlich alle Ansprüche verjährt sind, lässt natürlich ebenso nachdenken wie, dass die danach handelnden nicht gegen ihn tätig geworden sind. Vielleicht war sich der eine oder andere doch nicht so sicher, ob das Regime Kentnsch nicht doch Recht hat(te) mit dem, was er da oben sagt?
Da irrt er sich m.E. Das gilt für einen Verein mit relativ konstanter Zuschauerzahl (soz. der "Bodensatz"). Für einen Fahrstuhlverein und einer solchen Abhängigkeit der Zuschauerzahl vom Ligastatus gilt das m.E. nicht. Mit anderen Worten: wenn es gut läuft, kommen in eine moderne
AlmSchüco-Arena ein paar mehr und man erschließt sich in den Augen dieser erfolgsabhängigen Fans eher die "Belletage". Wenn aber der sportliche Erfolg weg ist, dann ist (wie man ja sieht) den "Erfolgsfans" auch ein modernes Stadium wurscht. Die Sponsoren ticken ähnlich.Das war nicht nur im Nachhinein falsch. Wie kann man sich denken, dass man "wenn es schlecht läuft", also sportlich nicht und entsprechend auch finanziell, noch die Sky-Offices verkaufen kann?
Insgesamt muss man sagen, dass unser DSC wie sämtliche Unternehmen der Größenordnung ein ziemlich komplexes Gebilde ist und entsprechend Fehlentscheidungen im Nachhinein manchmal erst auffallen. Hätte es keine Abstiege gegeben, wären die Entscheidungen genau so falsch gewesen, wäre aber keinem aufgefallen. Auch bei jedem Fehler immer sofort nach dem Staatsanwalt oder Richter zu rufen ist meiner Meinung nach nicht korrekt. Es sind halt unternehmerische Entscheidungen, die können gut oder schlecht, richtig oder falsch sein.
Alleine, weil uns Arminia so am Herzen liegt, ist es so oder so tragisch. Vielleicht wäre also trotzdem eine Schallschutzwand besser gewesen, hinter uns - in Block 5.
"Und weil NRW systemrelevant für Europa ist, springt dann der ESFS ein. Und bums! ist der ganze Laden gerettet, und Arminia kann ihrer Kreditwürdigkeit sogar das eine oder andere A hinzufügen.
AAArminiAAA!"
"Mit Standards und poor kennen wir uns eh schon lange aus..."
Geile Kommentare! Für sowas Launiges und Durchdachtes lese ich diesen Blog!
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