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Profifußball als inszenierter Lebensstil und ein Kultur-Euro namens "Fan-Abgabe" - Gedanken zum "Fall Pezzoni"

„Oha, als Journalist und Soziologe würde ich ja gerne auf den Link von Marcus Uhlig und deinen Kommentar antworten“ - durch diese Kurznachricht entwickelte sich eine spontane Diskussion unter unausgelasteten, fußballbegeisterten Politik-Studenten um das, was sich in Köln im „Fall Pezzoni“ zugetragen hatte.

Mit den Worten „Bislang das Beste - weil Differenzierteste - was ich in Sachen "Pezzoni" gelesen habe!“ machte Uhlig via Facebook auf einen lesenswerten Blog-Beitrag von effzeh.com aufmerksam. Er diskutiert Fragen der Verantwortung und Schuld, nimmt Fans, Vereine und auch Politik in die Pflicht, schiebt allerdings auch den „unreflektierten Medien“ eine gewichtige Teilschuld zu.

Mit der gemeinsamen Ansicht die Medien hier aus der Schusslinie nehmen zu wollen, entwickelte sich nun ein (Chat-)Gespräch, das – so unser Gedanke –vielleicht auch andere interessieren könnte. Und da wir unsere Gehirnzellen in den Semesterferien mal in Bewegung gesetzt haben, möchten wir das auch dokumentiert wissen ;-)

Jan: Profi-Fußball lebt von Fans. Fans bedeuten Geld. Wenn sich Vereine selbst zu einer Art Lebensstil stilisieren („Echte Liebe“, „Mia san mia“), dann machen sie das letztendlich aus wirtschaftlichen Aspekten. Und dann müssen sie in Krisensituationen auch damit rechnen, dass da Leute austicken, wenn "ihr Leben" davon abhängt. Da kann ein Verein noch so sehr um Fan-Projekte, Deeskalation und sonst was bemüht sein. Kernproblem ist die Kommerzialisierung des Sports. Zwar lässt sich prima über die Verantwortung von Profi-Vereinen diskutieren. Aber der so implizierte Anspruch, dass Vereine für aufgeklärte Fans sorgen müssen, kann nicht erfüllt werden.

Santon: Kommerzialisierung ist sicherlich ein Problem. Aber ich werfe mal die "Arminia-Perspektive" ein. Unter normalen Umständen wäre Arminia vor 2 Jahren insolvent gegangen und hätte unten wieder anfangen müssen. Das ist nicht geschehen, weil der emotionale Wert des Vereins zu groß für die Region war und Privatpersonen, Unternehmen etc. mit ihrem Geld eingesprungen sind. Hier fehlt die eigene Inszenierung. Das ist vielmehr als Auftrag zu sehen eine Geschichte weiterzuerzählen.

Jan: Im Prinzip hast du also eine Firma, die schlecht gewirtschaftet hat. Weil die Kunden aber alle so begeistert sind von den Produkten, die dort mal hergestellt worden sind, zahlen sie weiterhin Geld. Ohne Gegenleistung, nur in der Hoffnung, dass bald wieder ein gutes Produkt kommen könnte?

Santon: Ich weiß nicht, ob es das trifft. Ein vergleichbares, vermeintlich sogar besseres Produkt wäre ja im regionalen Umfeld schnell gefunden.

Jan: Ich führe hier mal ein Zitat von jeder Oma der Welt an: "Den Oetkerpudding haben wir immer genommen. Der andere ist zwar billiger (und genau gleich), aber der schmeckt nicht". Stichwort: Markentreue und Kommerzialisierung von emotionaler Bindung.

Santon: Eben. Diese Bindung kann auch ohne Inszenierung entstehen. Die Vereine wären natürlich schön blöd, wenn sie dem entgegenwirken würden. Sie gießen eher noch Öl ins Feuer. Das kann dann zwar eine von vielen Ursachen für den „Fall Pezzoni“ sein, aber nicht der Kern der Sache.

Jan: Aber daraus resultieren ja viele andere Sachen: Berichterstattung in den Medien und ihr gesellschaftliche Wirkung zum Beispiel. Natürlich kann man nicht sagen, dass Profi-Vereine schuld sind. Aus diesem ganzen Business entstehen einfach selbstbefeuernde Dynamiken, die nicht kontrollierbar sind. Und wenn so Schaden entsteht, wird versucht, das Ganze über Normen (Vereine appellieren an ihre Fans etc.) zu lösen. Und diese Normen sind letztlich willkürlich. Übrigens gibt es dieses Phänomen auch in anderen Gesellschaftsbereichen (Recht-Politik, Politik-Religion, Erziehung-Wirtschaft).

Santon: Und wie wäre das deiner Meinung nach zu lösen? Sollen Vereine aus dem Bewusstsein ihrer eigenen gesellschaftlichen Verantwortung heraus auf die Emotionalitätsbremse treten? Wäre das dann Prävention? Soll in Fanprojekten auf die Nebensächlichkeit des Fußballs hingewiesen werden?

Jan: Das ist ja der Witz an der Sache: Das ist nicht zu lösen.

Santon: Aber das wäre die Lösung in Utopia, oder?

Jan: So einfach kann man das, glaube ich, nicht sagen. Dass Profi-Sport entstanden ist, hat ja einen Grund. Aber dieser Komplex entzieht sich der systemeigenen Kontrolle. So arbeiten zum Beispiel Medien nur nach ihrer eigenen Logik. Genau wie der Profisport. Diese Ohnmacht der gegenseitigen Einflussnahme wird durch die Berufung auf Normen nur verschleiert, oder?

Santon: Dann wäre es aus Sicht der Vereine wohl ratsamer sich für den Ernstfall zu wappnen und sowas in Kauf zu nehmen bzw. Wege zu finden, die Akteure vor "Mobbing" zu schützen. Ganz pragmatisch.

Jan: Aber auch das können sie ja nur bedingt tun. Es werden immer wieder Situationen entstehen, bei denen jemand fragt: "Was macht der Verein?" Und die müssen wieder sagen: "Wir machen in Zukunft das und das." Oder nicht? Es entsteht sozusagen ein Kreislauf von Katastophe- Gesellschaftliches Echo- Normformulierung-Neue Katastrophe etc.

Santon: Ein Verein könnte sich aber Grenzen stecken und diese auch deutlich formulieren: "Wir können das und das im Bereich unserer sozialen Verantwortung leisten, aber das und das nicht mehr." Damit wäre man sogar verlässlich gegenüber staatlichen Institutionen und könnte automatisch andere Akteure in die Pflicht nehmen.

Jan: Und wo sind die Grenzen der sozialen Verantwortung?

Santon: Das ist vielleicht die falsche Frage. Man müsste fragen, wo für einen Verein die Grenzen der Machbarkeit liegen seiner sozialen Verantwortung gerecht zu werden.

Jan: Führt zum gleichen Ergebnis. Wo liegen die Grenzen der Machbarkeit? Fängt das damit an, dass man bei Fan-Projekten dabei ist oder dass alle Fußballfans nur noch nüchtern ins Stadion kommen? Alles halt schwer abzugrenzen.

Santon: Man könnte möglicherweise von allen Verein eine "Fan-Abgabe" verlangen. Ein ausgehandelter Prozentsatz des Vereinsumsatzes (der ja auch in einem gewissen Zusammenhang mit dem Fan-Aufkommen steht) müsste in Fan-Arbeit reinvestiert werden. Es wäre aus meiner Sicht nicht unverschämt das zu verlangen.

Jan: Ist eigentlich ´ne gute Idee. Ruft allerdings wieder Geschichten wie "Keinen Zwanni für´n Steher" auf den Plan. Denn der Verein wird seinen Gewinn wohl kaum dafür hergeben (siehe: Wirtschaftsunternehmen). Du siehst, die Komplexität des Fußball-Geschäfts ist kaum zu bewältigen ;-)

Santon: Die Vereine könnten aus meiner Sicht immerhin Verlässlichkeit gegenüber Anderen demonstrieren (auch gegenüber Rainer Wendt und seiner Polizeigewerkschaft). Öffentliche Einrichtungen, Sponsoren und Verbände wären vielleicht in die Pflicht genommen. Aber ja, wir können die Probleme hier nicht lösen :-)

 

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